Gelesene Bücher:
- David Copperfield – Charles Dickens
Jeder, der schon mal einen Kurs für kreatives Schreiben besucht hat, weiß, dass das Geheimnis guten Stils darin besteht, drastisch zu beschneiden, zu kürzen, auszulichten, zu jäten, zu harken, zu stutzen, zu kappen und die Spreu vom Weizen zu trennen, jedes überflüssige Wort auszumerzen, zu komprimieren und dann nochmal zu komprimieren. Was knirscht denn da so? Ah, da ist der beflissene Jungautor auf Knochen gestoßen. Man kann keine Rezension, sagen wir, eines Buches von Coetzee lesen, ohne über das Wort “sparsam” zu stolpern und es ist immer positiv gemeint. Ich habe gerade mal “JM Coetzee + sparsam” gegoogelt und eintausenddreihundertvierzig Treffer bekommen, fast alles verschiedene. “Coetzees sparsame und dennoch vielschichtige Sprache”, distanziert im Tonfall und sparsam im Stil”, Schicht um Schicht sparsamer, ausnehmend schöner Sätze”, Coetzees große Gabe – die er an uns weiterschenkt – liegt in seiner sparsamen und zugleich schönen Sprache”, “sparsame und eindringliche Sprache”, ein nüchternes, sparsames Buch”, “paradoxerweise sparsam und zugleich vielschichtig”, “sparsame, stählerne Schönheit”. Alles klar? Sparsam ist toll.
Coetzee ist natürlich ein großartiger Romancier, daher finde ich es kein bisschen kleinlich, anzumerken, dass er nicht unbedingt zu den humorvollsten Schriftstellern der Welt gehört. Wenn man es recht bedenkt, sind die meisten Bücher aus der hohen Schule der Sparsamkeit nicht gerade irrsinnig lustig. Witze kann man zumeist in einem Stück ausreißen, mit Stumpf und Stiel, daher sind sie als Erste dran, wenn man sich mit voller Kraft ans Prosajäten macht. Ein Detail des ganzen Auslichtungsprozesses kapiere ich allerdings nicht: Warum ist er immer genau dann beendet, wenn das fragliche Werk auf sechzig- bis siebzigtausend Wörter zurechtgestutzt ist, was (sicher rein zufällig) der Mindestlänge eines veröfftlichungswerten Romans entspricht? Ich bin davon überzeugt, dass man ihn mit etwas gutem Willen auch noch auf zwanzig- oder dreißigtausend runterkürzen könnte. Ja, genau genommen – warum bei zwanzig- oder dreißigtausend aufhören? Wieso überhaupt noch schreiben? Warum kritzelt man nicht einfach den Plot und ein paar Motive hinten auf einen Briefumschlag und belässt es dabei? Die Wahrheit ist, dass Literatur oder ihre Produktion nichts besonders Nützliches sind, und deswegen, so vermute ich, müssen es die Leute unbedingt als heldenhafte Plackerei hinstellen, eben weil es so eine Tätigkeit für Waschlappen ist. Diese verbissene Sparsamkeit ist ein Kompensationsversuch, Schreiben als richtige Arbeit, wie Feldarbeit oder Holzfällen darzustellen. (Aus dem gleichen Grund legen Leute aus der Werbung gelegentlich Zwanzig-Stunden-Tage ein.) Na los, Jungschriftsteller – gönnt euch doch mal ‘nen Witz oder ein Adverb! Lasst euch nicht lumpen! Den Leser stört das nicht! Habt ihr euch mal angesehen, wie dick Bücher sind, die am Flughafen verkauft werden? Die Menschen mögen das Überflüssige. (Daher müssen die Lieblinge des Feuilletons, die Zurückschneider und Kürzer, auch vom Kritikerlob statt von üppigen Tantiemen leben.)
Letzten Monat habe ich mit der Bemerkung geschlossen, dass ich etwas Kalorienreiches à la Dickens bräuchte. Vielleicht liegt das daran, dass ich zu lange auf den Knochen gnadenlos ausgedünnter Romane herumgenagt habe. Wo wäre David Copperfield geblieben, wenn Dickens einen Kurs in kreativem Schreiben belegt hätte? Wahrscheinlich bei etwa siebzig Nebenfiguren weniger. (Wussten Sie, dass Dickens ungefähr dreizehntausend Personen erfunden haben soll? Dreizehntausend! Die Einwohnerzahl einer Kleinstadt! Wenn wir bei der Schreiberei schon von Knochenarbeit reden, sollten wir vielleicht daran denken, wie schwer es ist, viele dicke Bücher zu schreiben, die überquellen von Ausgelassenheit, Energie, prallem Leben und Komik. Auch wenn es kein origineller Standpunkt ist: Es ist nicht zwangsläufig anstrengender, ein Buch von ein paar hundert Seiten zu schreiben als ein Buch mit ein paar tausend Seiten.) An einer Stelle ziemlich zu Anfang des Buches reißt David aus, und Hunger und Durst zwingen ihn schließlich dazu, die Kleider zu verkaufen, die er am Leib trägt. Es hätte ausgereicht, die folgenden physischen Entbehrungen zu beschreiben, aber Dickens baut noch einen echten Schurken von Trödler ein, einen wahrhaft unheimlichen Kerl, der nach Rum stinkt und ständig: “O meine Lunge und Leber” und “Goru!” brüllt.
Wie King Lear schon sagte, wahrscheinlich als er Gastredner in Iowa war: “O rechtet nicht, was nötig.” Aber von nötig kann hier keine Rede sein: Es macht Dickens einfach Spaß, und er malt die Szene weit über ihre Funktion hinaus aus. Beim Wiederlesen klingt sie fast wie ein Appell wider den ganzen Kult der Sparsamkeit, denn der unheimliche Kerl besteht darauf, David seine Jacke über einen Nachmittag verteilt in Halfpenny-Raten zu bezahlen, und bleibt uns daher zwei ganze Seite lang erhalten. Hätte man ihn wegkürzen können? Unbedingt hätte man ihn wegkürzen können. Aber es gibt einen Punkt beim Schreiben, an dem ein Romacier, jeder Romancier, selbst ein ganz großer, akzeptieren muss, dass sein Job darin besteht, Anfang und Ende eines Buches möglichst ferz voneinander zu halten, indem er die Seiten füllt und darauf hofft, dass sie den Leser rühren, provozieren und unterhalten werden.
Einige Beobachtungen am Rande:
1. David Copperfield ist Dickens’ Hamlet. Hamlet ist ein Stück voll berühmter Zitate, David Copperfield ist ein Roman voll berühmter Charaktere. Man begegnet sowohl Uriah Heep als auch Mr. Micawber, und darüber hinaus noch Peggotty, Steerforth, Betsey Trotwood, der kleinen Emly, Tommy Traddles und den Übrigen. Ich hätte angenommen, dass Dickens sich wenigstens ein paar davon für seine anderen Romane aufgehoben hätte, die ich noch nicht gelesen habe, zum Beispiel für Die Pickwicker oder Barnaby Rudge. Aber er hat alle schon hier verballert. Das könnte sich als Fehler erweisen. Wir werden sehen.
2. Warum versuchen sich die Leute immer wieder an Fernseh- oder Kinoadaptionen von Dickens-Romanen? Nehmen wir als Beispiel einmal Uriah Heep: “…kaum Augenbrauen, keine Wimpern und rötlichbraune Augen (…), diese so unbeschützt und unbeschattet, dass ich mich wundere, wie er nur einschlafen konnte. (…) hochschultrig und hager (…) eine lange, schmale, hagere Hand (…) Nasenlöcher, die ganz dünn und schmal und scharf gefurcht waren, eine eigentümliche und unangenehme Manier hatten, sich auszudehnen und zusammenzuziehen, dass sie zu zwinkern schienen anstatt seiner Augen, die wohl niemals zwinkerten.”
Wen bitte soll man für diese Rolle casten? Sollten sich dafür überhaupt geeignete Darsteller finden, wäre es bestimmt eine trostlose Gesellschaft am Dreh, ohne Sozialkontakte, ohne Freundin und ohne die Aussicht, je wieder eine andere Rolle zu bekommen außer in Copperfield 2: Heeps Rache. Und sobald diese Trickfilm-Schreckgespenster körperliche Formen annehmen, sind sie sowieso witzlos geworden. Memo an alle Studios: Die einzige Möglichkeit wäre eine Mischung aus Realfilm und Computeranimation. Ja, das würde teuer werden, und nein, niemand würde dafür Eintritt zahlen. Aber wenn ihr dem großen Mann gerecht werden wollt – und ich bin sicher, dass Hollywood-Bosse nichts anderes im Sinn haben -, dann sollte euch das die Sache wert sein.
3. Davids Arbeitgeber Spenlow und Jorkins in David Copperfield sind wahrscheinlich die ersten Darstellungen des Teams “guter Bulle” und “böser Bulle” in der Literatur.
4. Ich habe die Fischer-Klassik Ausgabe für 9,50€ gekauft und diese ist wirklich sehr zu empfehlen, denn alle wichtigen Angaben über Dickens und das Buch an sich, stehen erst am Ende des Buches, so dass nicht wieder irgendwelche Wendungen vorweggenommen werden können.
David Copperfield ist das erste Buch, dass ich jemals von Dickens gelesen habe, somit ist es logischerweise auch bisher für mich, sein bestes.
Aber letztendlich ist zu viel misslungen. Die jungen Frauen sind zu blutarm gezeichnet. Todesfälle liegen unangenehm dicht beieinander – wenn man den blöden Köter der rührseligen Dora mitzählt, was ich nicht tue, Dickens aber schon, gibt es zwischen Seite 879 und 911 insgesamt vier Tote. Und gerade wenn man möchte, dass das Buch ein Ende findet, fügt Dickens noch zwanzig Seiten vor Schluss ein überflüssiges und ödes Kapitel über die Reform des Strafvollzugs ein (Er ist gegen Einzelhaft. Wäre zu gut für die.)
David Copperfield ist dennoch ein hervorragender Roman, aufgrund seiner überraschenden Modernität und seiner Liebenswürdigkeit.
Jedenfalls erlaubt David Copperfields Beruf ihm diese eindringlichen kurzen Momente der Wehmut und Nostalgie. Es geht in diesem Buch viel um Erinnerung, und in einem autobiographischen Roman sind Erinnerung und Fiktion schließlich kaum zu unterscheiden. Dickens nutzt diese Untrennbarkeit zu seinem Vorteil, und ich kann mich nicht entsinnen, von einem anderen Roman derart angerührt worden zu sein. Was David Copperfield meiner Meinung nach außerdem so besonders macht, ist die Differenziertheit einiger Figuren und ihrer Beziehungen untereinander. Dickens ist nicht eben für seine differenzierten Schilderungen berühmt, und wenn er Komplexität erreicht, dann in der Regel dadurch, dass er Nebenhandlung um Nebenhandlung anlegt und Figur auf Figur häuft, bis schließlich einfach irgendwas passieren muss. Doch in David Copperfield wird zum Beispiel auf verblüffend modern wirkende Weise Unzufriedenheit in der Ehe beschrieben, das Eingestädnis eines Mangels und einer unbestimmten Sehnsucht, was man nicht bei jemanden vermuten würde, der während der Hälfte des Romans mit Mr. Micawber Punsch schlürft. Letzlich wählt Dickens den viktorianischen Ausweg aus dieser Misere des zwanzigsten Jahrhunderts, aber dennoch…
Zum ersten Mal, seit ich dieses Blog schreibe, empfand ich etwas wie Leere, nachdem ich ein Buch ausgelesen hatte. Seien wir doch erhlich, normalerweise ist man froh, wenn man ein weiteres Buch abhaken kann, aber den letzten Monat verbrachte ich in dieser hyperrealen Welt voller unvergesslicher, genial exzentrischer Leute und Lacher (ich hoffe doch, dass alle wissen, wie komisch Dickens ist) und tüchtig verschlungener Handlungsstränge, denen man mit Vergnügen folgt. Ich schätze, es wird ein Weilchen dauern, bis ich wieder einen dieser zurechtgestutzten, ausgemergelten Haut-und-Knochen-Romane lesen kann.
Das Problem an der Sache ist nur, dass ich mir bereits das am 10. März erschienene Buch Clockers von Richard Price zugelegt habe. Mal sehen was daraus wird…