Lesemonat September oder Der Abschied

04/10/2011

Gelesene Bücher:

  • Rotkehlchen – Jo Nesbø
  • Der Fledermausmann – Jo Nesbø
  • Tschechow lesen – Janet Malcolm

Ich wollte schon länger mal ein Buch von Jo Nesbø lesen, einzig und allein, weil ich es zum Geburtstag geschenkt bekommen habe. Ich habe sogar mit dem Gedanken gespielt, den ganzen Monat ausschließlich Thriller zu lesen, aber mir war klar, dass ich es Ihnen damit zu leicht machen würde, dieses Blog ganz zu ignorieren; so wie es jetzt ist, müssen Sie sich erst durch den Thrillersumpf zu Malcolm vorarbeiten.

Jo Nesbø erinnert in seinem Stil an die Thriller, wie sie sein sollten, nicht wie die hunderte hingeklatschten Thriller, bei denen man nach drei Seiten weiß, wer es war und warum. Dafür hat er auch einen “Helden” mit Ecken und Kanten geschaffen, nämlich Harry Høle. Er ist schon etwas älter und trockener Alkoholiker, da sind die Probleme ja quasi vorprogrammiert, aber gerade das macht ja eine gute Story aus, dass man sich auch mal in den Menschen hinein denken kann. Nicht, dass ich schon älter oder trockener Alkoholiker wäre, aber interessant ist es dennoch. Rotkehlchen ist übrigens bereits der dritte Fall für Harry Høle und spielt zum größten Teil in Oslo.

Mein weiterer Plan für den Monat war dann eigentlich Briefe von Anton Cechov zu lesen, aber leider kosten diese 177€, so dass ich doch zum ersten Fall von Harry Høle und somit ersten Buch von Jo Nesbø griff, Der Fledermausmann. Dieser Thriller spielt komplett in Australien und die meiste Zeit über in Sydney und wie sollte es anders sein, es lohnt sich zu lesen!

“Den >Kirschgarten< oder >Onkel Wanja< hat jeder schon gesehen, aber kaum jemand kennt >Meine Frau< oder >In der Schlucht<”, sagt Janet Malcolm in ihrem kurzen, rührenden, intelligenten Buch Tschechow lesen. Vielleicht ist es jetzt nicht der beste Moment zu erörtern, was hier unter “jeder” zu verstehen ist, aber man darf doch innehalten und die Welt bestaunen, in der unsere Literaten und Literatinnen zu Hause sind – es hat längst nicht “jeder” ein Fußballspiel oder eine Folge von Two and Half Men gesehen, und erst recht kein russisches Theaterstück aus dem neunzehnten Jahrhundert. Aber sie hat natürlich Recht, wenn sie darauf hinweist, dass seine Erzählungen ein relatives Schattendasein fristen.

Ich möchte diese, letzten Zeilen, dieses Blogs nutzen, um mich bei meinen Lesern und Leserinnen zu bedanken. Denn ich werde nun erst einmal damit aufhören. Momentan sehe ich auch nicht, dass ich damit wieder beginnen werde, aber man soll ja nie nie sagen. Der Grund für das Ende dieses Blogs ist zum einen, dass ich mir davon einfach mehr versprochen habe und zum anderen, dass ich nun gerne mein Studium beenden möchte.

Trotz allem hat es mir sehr viel Spaß gemacht und ich habe im letzten Jahr über 50 Bücher gelesen. Lesen werde ich natürlich auch weiterhin, aber nicht mehr so geplant und eben auch nicht mehr darüber schreiben.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit!

Lesemonat August

01/09/2011

Gelesene Bücher:

  • So lebe ich jetzt – Meg Rosoff
  • Hartland – Wolfgang Büscher
  • Die Party bei den Jacks – Thomas Wolfe
  • Der Weg zur Sünde – Patrick Hamilton

Sex zwischen Vetter und Cousine: Sind Sie dafür oder dagegen? Ich frage bloß, weil das erste Buch, das ich diesen Monat gelesen habe, Meg Rosoffs So lebe ich jetzt, sehr dafür ist. Bei Hardy und Dickens versprechen die Leute ihren Cousinen andauernd die Ehe und/oder bumsen sie gar, aber ich bin immer davon ausgegangen, dass das daran läge, dass es damals noch keine Wasserspender, kein Speed-Dating bei Burger King und keine Unifeten gab; das Deprimierende an So lebe ich jetzt ist, es spielt in der Gegenwart. Nichts gegen meine Cousinen oder gegen Leserinnen dieses Blogs, die solche Dinge gerne innerhalb der Familie regeln, aber soll das wirklich alles sein, worauf wir uns freuen können?

So lebe ich jetzt hat hier in Deutschland euphorische Rezensionen bekommen – eine der noch halbwegs gemäßigten bezeichnet das Buch als “Klassiker” -, und obwohl so was meistens ausreicht, um mir das Geld aus der Tasche zu ziehen, heißt das noch lange nicht, dass ich ein Buch dann auch lese. Rosoffs Buch ist jedoch erfreulich kurz, die Zielgruppe sind Teenager, und ich habe es beim Verlag bestellt. Da denkt man natürlich: Jetzt kannst du in plus/minus einem Tag einen Klassiker schaffen, der auch noch günstig war, und schon hast du die Kolumne ein bisschen aufgepolstert. So ähnlich war es dann auch. Ich bin allerdings noch nicht überzeugt, dass So lebe ich jetzt ein Klassiker ist. Es spielt in der Gegenwart in England, das sich im Kriegszustand befindet, doch im Gegensatz zur träumerischen Intensität der Affäre zwischen Cousine und Vetter und der Kraft und Authentizität von Rosoffs Teenager-Stimme ist ihr der Krieg für meinen Geschmack etwas dürftig geraten. London ist besetzt, aber niemand, nicht mal die Erwachsenen, scheinen so recht zu wissen, von wem: vielleicht von den Franzosen, es können aber auch die Chinesen sein. Was für eine Art Krieg ist das, bitte? Was Rosoff anstrebt, ist dieser Nebel aus Halbwahrheiten und Hörensagen, in dem Großteil der Teenager die meiste Zeit lebt, aber trotzdem, man hat den Eindruck, dass selbst Seymour Hersh hier überfragt wäre, wer England angegriffen hat und warum.

Thomas Wolfes Die Party bei den Jacks wurde mir zum Geburtstag geschenkt. Die Party bei den Jacks, erstmals 1930 veröffentlicht, schildert das Leben des Ehepaares Jack kurz vor der großen Rezession 1929. Dabei wird das Leben und Leben lassen auf eine Party bei den Jacks reduziert und damit gleichzeitig auch fokussiert. Frederick Jack ist Banker und arbeitet an der Wall Street. Esther Jack ist eine angesehene Künstlerin am Theater. Die beiden leben aber nur noch zusammen, sie haben sogar getrennte Zimmer und logischerweise auch Liebhaber/-innen. Aber eine Party konnten sie schmeißen. Jedenfalls für dieses Zeitalter. Ich selber wäre wohl nicht unbedingt dafür zu haben gewesen. Aber lesenswert ist es allemal.

Hartland von Wolfgang Büscher ist ein autobiographisches Buch, denn in diesem Buch erzählt der Autor wie er zu Fuß durch Amerika gelaufen ist. Es ist ein sehr lesenswertes Buch, denn es zeichnet auch mal ein Bild von Amerika, dass man so nicht überall lesen kann. Tauchen Sie einfach ein in diesen “Trip”, den man gerne ein mal selbst erleben möchte.

In Der Weg zur Sünde, dem zweiten Roman der Trilogie 20 000 Straßen unter dem Himmel, tritt Jenny, die Prostituierte aus Midnight Bell, in den Mittelpunkt. Der Weg zur Sünde ist auch eine gut recherchierte, überzeugende Analyse der ökonomischen und sozialen Zwänge, die Jenny aus dem Diensbotentrakt auf die Straße treiben. Das ist unterhaltsamer, als es klingt, denn Hamilton hat eine Vorliebe für Geschichten von Untergang und Verhängnis. Er ist so eine Art urbaner Hardy: Der Absturz ist von der ersten Seite an für alle vorgezeichnet. Als zentrale Ursache von Jennys Misere isoliert Hamilton ein abendliches Besäufnis mit einer nuttigen Freundin: Jenny hat einen Filmriss, wacht viel zu spät im Haus eines Mannes auf, den sie nicht kennt, und kann ihre neue Stelle als Hausmädchen bei einem kauzig-lebensuntüchtigen Trio alter Leute nicht antreten. Das ist traurig, doch Hamiltons lakonische Erzählstimme ist immer wieder herrlich zu lesen, und als Sozialhistoriker ist er unübertroffen. Wer hätte gedacht, dass in den zwanziger Jahren in den Pubs Kellner am Tisch bedienten? Und Teller mit Keksen herumstanden. Kekse! Was waren das für welche? So viel verrät Hamilton nicht.

Lesemonat Juli

01/08/2011

Gelesene Bücher:

  • The Midnight Bell – Patrick Hamilton
  • Die 100 besten Filme – Frank Schnelle / Andreas Thiemann
  • Bis an das Ende der Nacht – Chris Coake

Zwölf Monate! Ein volles Jahr! Ich glaube nicht, dass ich vorher schon mal so lange etwas durchgezogen habe. Aber ich muss gestehen, dass ich mir von dieser Bloggeschichte schon mehr versprochen habe. Ich muss wohl einfach weitermachen und auf Besserung hoffen. In der Zeit betrauere ich weiter den Tod von Schriftstellern. Im letzten Monat, genauer gesagt am 02. Juli, jährte sich der Todestag von Ernest Miller Hemingway zum 50. Mal. Also wenn sich jemand mit meiner Kragenweite bei mir melden möchte, immer gerne!

Durch dieses Blog ist meine Lektüre auf jeden Fall punktgenauer und weniger beliebig geworden, und ich nehme mir heute keine Romane mehr vor, bei denen ich schon im Voraus weiß, dass ich sie nur unter Stöhnen, Schnauben und verächtlichen Auflachen lesen werde.

In ihrem Buch Die 100 besten Filme schreiben Frank Schnelle und Andreas Thiemann über Spielbergs Der weiße Hai:

Verglichen mit seinen heutigen Nachfahren wirkt der erste Blockbuster, der auch so genannt wurde, regelrecht subtil. Er veränderte zwar mit einer neuen Gleichung das Hollywood-Geschäft: Hohes Budget + Gewaltiges Marketing = Gigantischer Gewinn. Im Kern jedoch ist er eine Huldigung an das klassische Genrekino und eine Demonstration perfekten Handwerks.

Gut zu wissen. Warum erfahren wir das erst jetzt?

Ich muss gestehen, dass Die besten 100 Filme ein Super Nachschlagewerk über Filme ist. Dabei erfährt man so einiges über Hollywood und deren Protagonisten. Denn das Buch ist in chronologischer Reihenfolge aufgebaut, was durchaus sinnvoll ist.

Dieses Buch zeigt deutlich welche Filme es sich anzuschaffen lohnt (und vor allem in welcher DVD-Version) und man kann sich sicher sein, dass mit Jäger des verlorenen Schatzes nicht allzu viel verkehrt machen kann.

Zustande kommt diese Liste übrigens dadurch, dass die Autoren verschiedene Quellen herangezogen haben. Diese bestanden aus Expertenbefragungen, Internet-Votings, Publikumsabstimmungen und so weiter. Es wurden zudem noch Zeitschriften, Zeitungen, Internetseiten und dergleichen mehr ausgewertet. Die Quellen stammen dabei aus Deutschland, Großbritannien, USA, Frankreich und Australien, so dass man stolz auf die beiden Jungs sein kann, dass hier doch eine repräsentative Liste zusammengestellt wurde.

Cris Coakes Buch ist in Deutschland bei Goldmann erschienen und dieser Verlag hatte vollkommen Recht, diesen Schriftsteller zu verlegen.

In Bis an das Ende der Nacht geht es zum größten Teil um den Tod – oft um die Auswirkungen, die der Tod auf junge Menschen hat. “Im Falle, dass” umfasst den Zeitraum weniger Stunden: Es beginnt am frühen Morgen, kurz nach einem Autounfall, bei dem die Eltern eines dreijährigen Jungen umgekommen sind, und endet, kurz bevor der Junge in seiner furchtbaren neuen Welt aufwacht. Dazwischen durchlebt der noch recht junge und unausgeglichene Patenonkel, bei dem das Kind aufwachsen wird, eine sehr lange und düstere Nacht. In der Titelgeschichte der Sammlung fällt der Schatten des Todes auf drei Paare in unterschiedlichen Stadien des Erwachsenenalters, und das mit zunehmender Direktheit. Wenn man die Geschichten liest, vergisst man manchmal das Atmen, was wahrscheinlich bedeutet, dass man schneller liest, als vom Autor vorgesehen. Sind diese Geschichten gute Literatur? Sie sind wunderbar geschrieben und haben Tiefgang, aber sie sind nie fade, und alle erhalten beachtliche und aufregende erzählerische Einfälle. Und Coake stellt zu keiner Zeit seine eigene Kunst- und Sprachfertigkeit in den Vordergrund; er will, dass man sich auf seine Figuren konzentriert und nicht auf seine Stimme. Die Storys sind insofern literarisch, als sie ernst zu nehmen sind und sicherlich für irgendwelche Preise nominiert werden. Aber sie sind unliterarisch in dem Sinne, dass sie Menschen irgendwann ans Herz wachsen könnten.

Der 1962 verstorbene Patrick Hamilton ist mein neuer bester Freund. Sein bekanntestes Buch, Hangover Square, las ich bereits vor einigen Monaten; nun habe ich mir 20000 Straßen unter dem Himmel zugelegt, leider musste ich es aber unter den vergriffenen Büchern suchen. Eine Bitte an die Verleger, dieses Buch hätte eine Neuauflage mit Sicherheit verdient… Das Buch ist eine Romantrilogie, und den ersten Teil, The Midnight Bell, finde ich in jeder Hinsicht so gut wie Hangover Square.

Danke, liebe Leser, dass Sie während der letzten Zwölf Monate Zeit für mich erübrigt haben (falls Sie sie erübrigt haben). Wenn nicht, muss ich Ihnen danken, dass Sie sich nicht in solch großer Zahl beschwert haben, dass ich das Blog hätte einstellen müssen. Ich schätze ich habe wenigstens ein Dutzend wunderbarer Bücher gelesen, seit ich dieses Blog schreibe. Darunter Hangover Square, Unter Wasser atmen, David Copperfield, Die Festung der Einsamkeit, Sam, George und ein ganz gewöhnlicher Montag, Tag und Nacht und auch im Sommer, Random Family, Felix Nussbaum, Die Sirenen des Titan, Mystic River, Clockers, Fußball ist nicht das Wichtigste im Leben… Im kommenden Jahr werden es ebenso viele sein – und mehr, falls ich schneller lese. Was haben Sie im letzten Jahr zwölfmal gemacht, das noch so toll war, abgesehen vom Bücherlesen? Das glauben Sie doch selbst nicht…

Lesemonat Juni

17/06/2011

Gelesene Bücher:

  • Regenzauber – Dennis Lehane
  • Mystic River – Dennis Lehane
  • Verwesung – Simon Beckett
  • Freunde der Südsee – Ben Redelings (begonnen)

Kurz nachdem ich meinen letzten Blogeintrag geschrieben hatte, bin ich zum ersten Mal seit 4 Jahren in den Urlaub gefahren. Ich erwähne dies nicht deshalb, weil ich von Ihnen Glückwünsche oder Mitgefühl erwarte, sondern weil Lesen eine häusliche Aktivität und daher gegen jede Veränderung des häuslichen Umfelds empfindlich ist. Somit ist eigentlich für alle Bücher des Monats mein Urlaubstrip nach Mallorca verantwortlich. Gut, ich gebe zu, dass ein starker Fokus auf unterhaltender Literatur liegt, aber ich wollte mich dieser Literatur ja sowieso wieder langsam nähern und dafür war der Urlaub ideal. Wenn Sie also mal Dickens lesen wollen und sich dann ganz schnell wieder an Romane gewöhnen wollen, fahren Sie doch einfach in den Urlaub. Na, schon auf dem Weg ins Reisebüro?

Kurz bevor mein Urlaub beginnen sollte bekam ich Angstzustände, denn ich musste ja Vorsorge treffen und Bücher mit in den Urlaub nehmen. Also war ich bei den Reisevorbereitungen sehr gründlich, denn ich ging noch zwei Mal in eine Buchhandlung. So legte ich mir für den Urlaub Mystic River von Dennis Lehane und Verwesung von Simon Beckett zu.

Dann, der Urlaub lag in seinem letzten Zug, gelangte ich zu der Überzeugung, ich konnte es nicht mehr, ich hatte bisher nur ein Buch gelesen, und tat sofort etwas dagegen: Ich widmete mich Simon Becketts fünfhundert Seiten starken Thriller über Dr. David Hunter und las es von der ersten bis zur letzten Seite – wieder bloß, um auf Nummer sicher zu gehen, um zu beweisen, dass ich es noch konnte, dabei mache ich so was sonst nie. Ich hoffe, dass die essentiellen verblödungshemmenden Nährstoffe und Spurenelemente, die ich damit aufgenommen habe, eine Weile vorhalten und nicht mit Nasenschleim oder Speichel aus meinem Gehirn ausgeschieden werden, denn ich weiß nicht, wann ich wieder dazu komme, ein paar hundert Seiten über einen schwierigen Fall eines Forensikers zu lesen, dessen andere Bücher schon sensationell waren. Da können sicher einige Monate vergehen.

Beckett und Dennis Lehane bilden eigentlich ein nettes literaturtheoretisches Gemeinsamkeitspaar. Beckett hat hervorragende Erzählstrukturen, und befriedigt unsere “primitive” und “vulgäre” Lust zu wissen wie es weitergeht, und wenn man dieses Vulgäre bei Regenzauber wegließe, bliebe von dem Buch nicht besonders viel übrig. Regenzauber ist ein “Kenzie-und-Gennaro-Roman”, und wenn mir aufgefallen wäre, dass es sich dabei schon um einen x-ten Band dieser beiden Serienhelden handelt, dann hätte ich wohl eher mit dem ersten Roman dieser beiden Protagonisten begonnen. Es könnte sein, dass ich damit einer Minderheit angehöre, aber ich muss diese Serienhelden immer in der richtigen Reihenfolge lesen. Mein Problem ist, dass ich beim Lesen eines Romans das Bedürfnis habe zu glauben, dass die darin geschilderten Begebenheiten ihre Gültigkeit behalten, dass sie von echter Relevanz für die Figuren sind. Anders gesagt, wenn 1987 das absolute Horrorjahr für Winston Smith war, will ich meine Zeit nicht damit verschwenden zu lesen, was ihm 1984 widerfahren ist. Dass fiktive Charaktere sich an das erinnern, was sie erlebt haben, ist wohl das mindeste, was man verlangen kann, aber ich hab den Eindruck, dass Kenzie und Gennaro Schwierigkeiten hätten, den Psychokiller, den sie in Regenzauber jagen, und die Psychokiller, die sie in den anderen Büchern zur Strecke bringen, auseinander zu halten.

Es gibt eine etwas entmutigende Stelle in Regenzauber, die solche Bedenken zu rechtfertigen scheint. Angie Gennaro, sowohl beruflich wie privat mit Patrick Kenzie verbandelt, fragt ihn, ob sie seinen Bart abrasieren dürfe – einen Bart, den er sich wachsen ließ, um Narben damit zu verdecken. “Ich dachte darüber nach”, heißt es da. “Drei Jahre mit schützenden Stoppeln im Gesicht. Drei Jahre, in denen ich die Verletzungen versteckte, die ich mir in der schlimmsten Nacht meines Lebens geholt hatte.” Halt, stop. Die schlimmste Nacht deines Leben ist drei Jahre her? Was lese ich dann gerade? Etwas über die viertschlimmste Nacht? Manchmal, wenn man mitten am Abend ein Lokal in der City betritt, hat man das Gefühl, den richtigen Moment verpasst zu haben: Das ganze Bürovolk ist schon nach Haus gegangen, und die späten Gäste sind noch nicht da. Überall stehen leere Gläser herum, aber man selber hat nichts zu der Unordnung beigetragen… Tja, so ähnlich fühlte ich mich, als ich Regenzauber las.

Aber mir gefiel Lehanes Stil. Er ist human und, wo es passt, auch humorvoll, und er hat eine Vorliebe für ausgefallene kulturelle Verweise: Ich hätte zum Beispiel nie erwartet, auf eine Diskussion über David Denbys Filmkritiken zu stoßen. Ich war überglücklich, mich direkt aufs nächste stürzen zu können. Und das war dann absolut umwerfend.

Warum hat mir nie jemand gesagt, dass Mystic River in der Champions League spielt? Weil ich nicht die richtigen Leute kenne, deswegen. Aber wie sollen wir auf solche Meilensteine des Thriller-Genres wie Mystic River aufmerksam werden? Wie dem auch sei, falls Sie den Film nicht gesehen haben (oder wie ich die Handlung vergessen), dann nehmen Sie Mystic River mit, wenn Sie das nächste Mal in ein Flugzeug steigen, in Urlaub fahren, aufs Klo, in die Wanne oder ins Bett gehen. Egal wohin oder worauf. (Ich habe vier von fünf abgedeckt)

Vor langen Jahren habe ich einen interessanten Absatz über den R & B-Produzenten Jimmy Jam und Terry Lewis gelesen, in dem sie schilderten, wie in der Band von Prince gearbeitet wurde: Sie setzten sich mit Prince zusammen, der ihnen sagte, was sie spielen sollten, worauf sie ihm erklärten, das könnten sie nicht, weil sie weder schnell noch gut genug wären. Aber dann triezte Prince sie so lange, bis sie es endlich hinbekamen, und als sie dann gerade so richtig zufrieden waren mit ihrer Leistung, die sie sich gar nicht zugetraut hatten, erklärte er ihnen, welche Choreographie er darüber hinaus von ihnen erwartete.

Ich vermute, die Geschichte ist mir deshalb in Erinnerung geblieben, weil sie so schön auf den Punkt bringt, wie ein wirklich aufregender kreativer Prozess im Idealfall vor sich geht, und bei Mystic River hat Lehane eine ähnlich glückliche Hand bewiesen. Mystic River hat alles, was ein anspruchsvoller Schriftsteller zu bieten haben muss (es ist ein Roman über Trauer, über eine Gemeinschaft, über prägende und verbindende Kindheitserlebnisse); das ausgesprochen unterhaltsame Whodunit-Element entspricht der Choreographie, die es noch obendrauf gibt. Lehane hat es tatsächlich geschafft, alles so mühelos erscheinen zu lassen, dass offenbar niemandem, den ich kenne aufgefallen ist, dass er überhaupt etwas Nennenswertes geleistet hat. Tja, auch für die Literatur der vergangenen rund achtzig Jahre gilt die alte Mahnung unserer Mathelehrer: “Bitte die Arbeitsschritte offen legen!” Woher soll man sonst wissen, dass es die überhaupt gibt?

In Regenzauber häuft Lehane Verwicklung auf Verwicklung, um seine Detektive weiter rätseln zu lassen, und natürlich bringt das ein gewisses Lesevergnügen. Doch es wirkt einfach routinierter als das, was ihm in Mystic River gelungen ist. Dort blickte Lehane in das schwarze, bodenlose Loch, das der Mord an einem jungen Mädchen in das Leben unterschiedlicher Menschen gerissen hat, und versucht, in dem, was er dort findet, irgendeinen Sinn zu erkennen; alles wirkt organisch, nichts – oder so gut wie nichts – wirkt konstruiert. Ich wünschte bloß, ich hätte auch Freunde, die mir Bücher wie Mystic River empfehlen. Sind Sie vielleicht ein solcher Mensch? Haben Sie noch Platz für einen Freund? Falls ihnen eine komplette Freundschaft inklusive tränsenseliger, alkoholisierter Anrufe mitten in der Nacht, bitterer Anschuldigungen und gelegentlicher Ausbrüche von Gewalt (auf die Gewalttätigkeiten folgt immer unmittelbar eine Entschuldigung, möchte ich schnell hinzufügen) zu lästig ist, könnten Sie mir ja vielleicht einfach die Buchtitel zukommen lassen.

Momentan gibt es Verwesung, Simon Becketts herausragender Thriller über den Forensiker Dr. David Hunter, nur als Hardcover, was sich doch demnächst mal ändern könnte. Anscheinend spielt der Verlag gerne mit dem Geld seiner Kunden. Das Buch ist wieder einmal hervorragend, aber was anderes erwartet man in dieser Serie ja auch gar nicht mehr. Diesmal geht es um einen Fall, der in zwei Teile aufgeteilt ist. Erst acht Jahre vor den anderen drei Büchern und dann wieder danach. Das einzige Problem an diesem Buch ist aber, dass man das meiste schon irgendwie aus den ersten drei Teilen kennt. Spannend ist es aber dennoch.

Außerdem hat mir Ben Redelings Freunde der Südsee zugesandt und ich habe nun die ersten fünfzig Seiten gelesen. Es ist auch hier wie immer, stilvoll, humorvoll und fußballerisch erstklassig. Bitte weiter so!

 

Lesemonat Mai

20/05/2011

Gelesene Bücher:

  • Train – Pete Dexter
  • Felix Nussbaum – Karl Georg Kaster
  • Der Leibarzt des Zaren – Tor Bomann-Larsen

Pete Dexters Train hatte ich mit Bedacht gewählt, um mich wieder an die Welt der erzählenden Literatur heranzutasten, eine Welt, die zu betreten ich mich gescheut habe, seit ich vor ein paar Monaten David Copperfield gelesen hatte. Die ersten Kapitel von Train sind fesselnd, verwickelt, lebendig und echt, und ich habe wirklich gedacht, die Fiktion hätte mich wieder. Doch dann kommt im dritten Kapitel eine Episode von scheußlicher, bis ins blutigste Detail dargestellter Brutalität, und plötzlich war ich nicht mehr mitten im Buch, sondern außen vor und schaute unbeteiligt zu. Es passiert folgendes: Während die weibliche Hauptfigur vergewaltigt wird, werden ihr die Brustwarzen abgeschnitten, und das hat mich wirklich schockiert. Ich weiß natürlich, dass das so beabsichtigt war, aber meine Verstörung überstieg die literarische Notwendigkeit bei weitem. Ich war in einer Weise verstört, dass ich den Autor gerne mal darauf angesprochen hätte. “Musste die Brustwarze wirklich ab, Pete? Erklär mir, warum. Hätte… halb ab es nicht auch getan? Oder hättest du sie nicht ganz in Ruhe lassen können? Komm schon, Alter. Ihr Mann ist gerade brutal ermordet worden. Sie wurde vergewaltigt. Wir können’s uns lebhaft vorstellen. Lass ihr doch ihre Brustwarzen.” So ungefähr.

Beim Lesen von erzählender Literatur bin ich sonst wohl eher der passive Typ. Wenn ein Romanautor mir sagt, irgendwas sei geschehen, kaufe ich ihm das zunächst mal ab. Aber bei dieser Stelle stimmte halt irgendwas nicht. Es kam mir so vor, als würde die arme Norah ihre Brustwarzen eher aus weltanschaulichen Gründen als aus erzählerischer Notwendigkeit einbüßen; und obwohl großartig erzählt, trotz der kraftvollen, bedrohlichen Prosa und der Reichhaltigkeit und Vielstimmigkeit der Szenerie (Train ist ein Golfcaddie im L.A. der fünfziger Jahre, und in dem Roman geht es vornehmlich um die Beziehung zwischen Schwarzen und Weißen), entglitt mir der Roman irgendwie. Zu allem Übel wird am Schluss jemand erschossen, und mir war nicht ganz klar, warum. Das ist ein sicheres Zeichen dafür, dass man nicht richtig bei der Sache war. Es sollte immer eindeutig klar sein, warum jemand erschossen wird. Sollte ich je auf Sie schießen, verspreche ich, einen wirklich triftigen Grund dafür zu haben, der Ihnen unmittelbar einleuchten wird, sofern Sie am Leben bleiben.

Als ich Train gerade durchhatte, stieß ich beim Herumstöbern in einer Remittendenkiste auf Tor Bomann-Larsens Buch über den Leibarzt des Zaren. Als ich es sah, musste ich das Buch einfach haben. Und die Ursache für dieses dringende Bedürfnis war einzig und allein die arme Norah aus Train. In Der Leibarzt des Zaren würden keine Brustwarzen abgeschnitten werden, da war ich mir sicher. Ich las sogar als ich wieder zu Hause war mal rein, und obwohl ich es sehr bald wieder beiseite legte (wahrscheinlich fiel es zu sehr ins andere Extrem – es ist eine heikle Balance, die ich hier zu finden versuche), war es ungemein aufbauend.

Karl Georg Kasters spannendes und informatives Buch Felix Nussbaum habe ich im Osnabrücker Felix-Nussbaum-Haus in der Lotter Straße gekauft. Der Museumsbesuch und das Buch von Kaster (über das Leben und Schaffen von Felix Nussbaum) waren der ideale Weg für mich, mehr über diesen außergewöhnlichen Mann zu erfahren, ohne mich dabei zu überanstrengen.

Ich hätte in diesem Monat gerne noch weitere Bücher gelesen, aber leider sind meine finanziellen Mittel erschöpft. Falls also mir jemand Geld spenden möchte, so kann er das gerne tun. Man kann mich natürlich auch als Kolumnist anstellen, ich bin da nicht so.

Aber zurück zum Thema: Ich hätte gerne noch ein Buch über die Jugoslawienkriege gelesen, aber leider gibt es dort keine anständigen Bücher mehr zu. Die Literatur und die Forschung konzentriert sich momentan eher auf Afghanistan, na ja. Für alle Comicfreunde noch ein Hinweis auf den wohl besten Osnabrücker Comicladen: Die neunte Kunst in der Redlingerstraße ist wirklich sehr zu empfehlen.

Lesemonat April

01/05/2011

Gelesene Bücher:

  • Zufallsfamilie – Adrian Nicole LeBlanc
  • Die Sopranistin – Jörg Thadeusz

Ein Mitglied von Pils ’03 – der Thekenverein bei dem ich mit zwanzig anderen Mitglied bin – hatte im letzten Monat Geburtstag und lud unter anderem die Mitglieder des Vereins kürzlich zu einem, wie er versprach, zügellosen und orgiastischen Abend in der Stadt Bremen ein. Mit den Leuten wird man sich also doch wohl amüsieren können, oder?

Richtig. Unter einer wilde Party verstand mein Freund, Karten für ein Konzert vorzubestellen – die Dimple Minds im Schlachthof – und dann dort einer ausgelassen pogenden Menge zuschauen und einer Band, die man nicht verstand, aber die Getränke und die Stimmung im allgemeinen waren hervorragend. Anschließend auf Kneipentour. Es hat sich auf jeden Fall gelohnt.

Wenig später besuchte ich dann in Osnabrück eine Lesung der Buchhandlung zur Heide mit Jörg Thadeusz. Eine gut organisierte Lesung auf der es sogar Weizenbier gab. Das Buch habe ich mir selbstverständlich auch noch zugelegt. Außerdem entdeckte ich das Sachbuch Zufallsfamilie von Adrian Nicole Leblanc. LeBlancs Studie über das Leben in der Bronx war überragend. Leute aus der Mittelschicht – besonders junge Leute aus der Mittelschicht – investieren schrecklich viel Zeit und Energie, um sich damit vertraut zu machen, was auf der Straße abläuft. In Zufallsfamilie haben Sie alles in einem Aufwasch: Man lernt daraus alles, was man wissen muss, und hört vielleicht sogar auf, von einer Knarre oder von Cracksucht als schnellstem Weg aus dem Hochschulghetto zu träumen. Ja, ich weiß, jede Realität ist immer nur vermittelt et cetera, aber dieses Buch macht den Eindruck zu wissen, wovon es spricht.

Zufallsfamilie handelt von zwei Frauen, Coco und Jessica; LeBlancs Buch, an dem sie zehn Jahre recherchiert und geschrieben hat, setzt ein, als die Protagonistinnen Teenager sind, und verfolgt ihr Schicksal während der folgenden Jahrzehnte. Trotz des schlichten Grundgerüsts kann man der Handlung nicht immer leicht folgen. Hätte LeBlanc einen Roman verfasst, müsste man anmerken, dass sie zu viele Personen hineingepackt hat, doch Coco, Jessica und die Bronx lassen ihr da keine große Wahl, denn unter anderem handelt Zufallsfamilie auch von zu vielen Menschen auf zu engem Raum. Coco und Jessica bekommen derart viele Babys von derart vielen Vätern, und ihre Kinder haben wiederum so viele Halbgeschwister, dass man zwischendurch einfach den Überblick verliert. Mit Anfang dreißig haben die beiden Frauen schon Mercedes, Nikki, Nautica, Pearl, La-Monté, Serena, Brittany, Stephanie, Michael und Matthew von den Vätern Cesar, Torres, Puma (vielleicht auch Victor), Willy (vielleicht auch Puma), Kodak, Wishman und Frankie. Dieses Buch trieft nur so von Sperma (Jessica schafft es sogar, nach einer Affäre mit einem Schließer im Gefängnis Zwillinge zu bekommen), und irgendwann habe ich mich gefragt, ob es medizinisch möglich ist, als Mann von der Lektüre schwanger zu werden. Aber dafür bin ich wohl zu jung.

LeBlancs akribisches Interesse noch am kleinsten Detail und ihre konsequente Weigerung, sich wertend einzubringen ist wohl eher unüblich und muss an dieser Stelle einmal gewürdigt werden. LeBlancs unerschütterliche Neutralität ist wohlwollend und von großer Bedeutung: Sie macht niemanden runter, und sie lässt uns den Raum, uns eigene Gedanken zu machen und ganz allein die Millionen von Widrigkeiten zu entdecken, die diese Lebensläufe prägen.

Da sind viele, viele Dinge, Myriaden von Dingen, die Cocos und Jessicas Erfahrungen von meinen unterscheiden. Was Zufallsfamilie bewegend, überzeugend und in der erforderlichen Ausführlichkeit deutlich macht, ist dass die Zukunft, wie sie sich für Coco und Jessica und die diversen Väter ihrer Kinder darstellt, noch nicht mal den Preis eines Kondoms wert ist, und sie haben Recht.

Da mir Zufallsfamilie bei seinem erscheinen nicht aufgefallen war, las ich die Besprechungen im Internet nach. Sie waren überwiegend euphorisch, doch ein, zwei Leute dachten laut darüber nach, ob LeBlancs Gegenwart nicht Verhalten und Ergebnis beeinflusst haben könnte. (Na sicher – wenn es sich um einen Nachmittag handelt, vielleicht, aber bei zehn Jahren? Setz eine Autorin in die Ecke und sieh zu, wie sich die vereinten Kräfte von Weltwirtschaft, Justiz und Drogenhandel unter ihrem erbarmungslosen Blick verflüchtigen.”Ich glaube, mein Einfluss war weitaus geringer, als manche sich vorstellen können” sagte LeBlanc mit – nehme ich mal an – ironischen Understatement in einem Interview.) In Die Zeit fand ich dann den entscheiden Satz, der mich auch sehr gestört hat.

“Das Buch sei mangelhaft lektoriert und übersetzt”. Kann ich nur zustimmen, denn was der Übersetzer teilweise an gravierenden Fehlern in der Grammatik einbaut und teilweise gibt es Wörter schlicht und ergreifend, gar nicht. Auch der oder die LektorIn scheint nicht genau hingesehen zu haben, leider.

Das Buch ist auch nicht humorlos, obwohl der Humor notgedrungen etwas bitter ausfällt. Als Coco im Rahmen ihres Antrags aufgefordert ist, einen Aufsatz mit dem Titel “Warum ich in eine Sozialwohnung ziehen möchte” zu schreiben, schreibt sie nur: “Weil ich obdachlos bin”. Und die Schilderung einer Weihnachtsfeier mit allen Schikanen bei Jessicas in großem Stil dealendem Freund Boy George ist von umwerfender Komik, wenn man darüber lachen kann, wie himmelweit die eigenen Vorstellungen von der Sünde Lohn an der Realität vorbeigehen. (Die Party fand an Bord einer Yacht statt. Es kamen 121 Gäste, die Steak Tartare aßen, Moet im Wert von zwölf Riesen tranken und bei der Tombola Hawaiireisen und Mitsubishis gewinnen konnten. Zwischendurch gab es Liveauftritte von den Jungle Brothers, Loose Touch und Big Daddy Kane. Vielleicht was für die nächste Pils ’03-Weihnachtsfeier?)

Natürlich wandert George letztendlich in den Knast, daher essen Jessica und Coco – wenn überhaupt – meistens Reis und Bohnen und ziehen von einem rattenverseuchten Dreckloch ins nächste. Gott sei Dank gibt es bei uns in Deutschland keine Armut, da Angela Merkel sie kurz nach ihrem Amtsantritt 2005 abgeschafft hat. Aber Amerikaner müssen dieses Buch lesen. Und “müssen” bedeutet hier: “Es ist wirklich gut”, oder, “Wenn Sie es nicht tun, sind Sie ein schlechter Mensch”.

Ich hatte Sie ja gewarnt, dass es ein Sachbuch-Monat wird. Ich habe einen Roman gelesen und bin zu dem ziemlich brillanten Schluss gekommen, dass er nicht an David Copperfield herankommt, der letzte Roman, den ich gelesen habe und der, nachdem ich ihn durchhatte, ein verheerendes Loch in meinem Leben hinterließ.

Jörg Thadeusz zählt zu der Sorte von Erzählern, die man immer mal lesen möchte, es dann aber doch nicht schafft. Seine Erzählweise ist locker, trügerisch eingängig für Auge und Ohr, sie hat witzige Momente und unvermittelte kleine Eruptionen mit melancholischem Nachhall. Dennoch fand ich sein Buch nicht wirklich prickelnd. Vor allem am Ende habe ich mich gefragt, soll das alles sein? Vielleicht ist aber auch nur David Copperfield an allem Schuld. Ich weiß es nicht.

Lesemonat März

18/03/2011

Gelesene Bücher:

  • David Copperfield – Charles Dickens

Jeder, der schon mal einen Kurs für kreatives Schreiben besucht hat, weiß, dass das Geheimnis guten Stils darin besteht, drastisch zu beschneiden, zu kürzen, auszulichten, zu jäten, zu harken, zu stutzen, zu kappen und die Spreu vom Weizen zu trennen, jedes überflüssige Wort auszumerzen, zu komprimieren und dann nochmal zu komprimieren. Was knirscht denn da so? Ah, da ist der beflissene Jungautor auf Knochen gestoßen. Man kann keine Rezension, sagen wir, eines Buches von Coetzee lesen, ohne über das Wort “sparsam” zu stolpern und es ist immer positiv gemeint. Ich habe gerade mal “JM Coetzee + sparsam” gegoogelt und eintausenddreihundertvierzig Treffer bekommen, fast alles verschiedene. “Coetzees sparsame und dennoch vielschichtige Sprache”, distanziert im Tonfall und sparsam im Stil”, Schicht um Schicht sparsamer, ausnehmend schöner Sätze”, Coetzees große Gabe – die er an uns weiterschenkt – liegt in seiner sparsamen und zugleich schönen Sprache”, “sparsame und eindringliche Sprache”, ein nüchternes, sparsames Buch”, “paradoxerweise sparsam und zugleich vielschichtig”, “sparsame, stählerne Schönheit”. Alles klar? Sparsam ist toll.

Coetzee ist natürlich ein großartiger Romancier, daher finde ich es kein bisschen kleinlich, anzumerken, dass er nicht unbedingt zu den humorvollsten Schriftstellern der Welt gehört. Wenn man es recht bedenkt, sind die meisten Bücher aus der hohen Schule der Sparsamkeit nicht gerade irrsinnig lustig. Witze kann man zumeist in einem Stück ausreißen, mit Stumpf und Stiel, daher sind sie als Erste dran, wenn man sich mit voller Kraft ans Prosajäten macht. Ein Detail des ganzen Auslichtungsprozesses kapiere ich allerdings nicht: Warum ist er immer genau dann beendet, wenn das fragliche Werk auf sechzig- bis siebzigtausend Wörter zurechtgestutzt ist, was (sicher rein zufällig) der Mindestlänge eines veröfftlichungswerten Romans entspricht? Ich bin davon überzeugt, dass man ihn mit etwas gutem Willen auch noch auf zwanzig- oder dreißigtausend runterkürzen könnte. Ja, genau genommen – warum bei zwanzig- oder dreißigtausend aufhören? Wieso überhaupt noch schreiben? Warum kritzelt man nicht einfach den Plot und ein paar Motive hinten auf einen Briefumschlag und belässt es dabei? Die Wahrheit ist, dass Literatur oder ihre Produktion nichts besonders Nützliches sind, und deswegen, so vermute ich, müssen es die Leute unbedingt als heldenhafte Plackerei hinstellen, eben weil es so eine Tätigkeit für Waschlappen ist. Diese verbissene Sparsamkeit ist ein Kompensationsversuch, Schreiben als richtige Arbeit, wie Feldarbeit oder Holzfällen darzustellen. (Aus dem gleichen Grund legen Leute aus der Werbung gelegentlich Zwanzig-Stunden-Tage ein.) Na los, Jungschriftsteller – gönnt euch doch mal ‘nen Witz oder ein Adverb! Lasst euch nicht lumpen! Den Leser stört das nicht! Habt ihr euch mal angesehen, wie dick Bücher sind, die am Flughafen verkauft werden? Die Menschen mögen das Überflüssige. (Daher müssen die Lieblinge des Feuilletons, die Zurückschneider und Kürzer, auch vom Kritikerlob statt von üppigen Tantiemen leben.)

Letzten Monat habe ich mit der Bemerkung geschlossen, dass ich etwas Kalorienreiches à la Dickens bräuchte. Vielleicht liegt das daran, dass ich zu lange auf den Knochen gnadenlos ausgedünnter Romane herumgenagt habe. Wo wäre David Copperfield geblieben, wenn Dickens einen Kurs in kreativem Schreiben belegt hätte? Wahrscheinlich bei etwa siebzig Nebenfiguren weniger. (Wussten Sie, dass Dickens ungefähr dreizehntausend Personen erfunden haben soll? Dreizehntausend! Die Einwohnerzahl einer Kleinstadt! Wenn wir bei der Schreiberei schon von Knochenarbeit reden, sollten wir vielleicht daran denken, wie schwer es ist, viele dicke Bücher zu schreiben, die überquellen von Ausgelassenheit, Energie, prallem Leben und Komik. Auch wenn es kein origineller Standpunkt ist: Es ist nicht zwangsläufig anstrengender, ein Buch von ein paar hundert Seiten zu schreiben als ein Buch mit ein paar tausend Seiten.) An einer Stelle ziemlich zu Anfang des Buches reißt David aus, und Hunger und Durst zwingen ihn schließlich dazu, die Kleider zu verkaufen, die er am Leib trägt. Es hätte ausgereicht, die folgenden physischen Entbehrungen zu beschreiben, aber Dickens baut noch einen echten Schurken von Trödler ein, einen wahrhaft unheimlichen Kerl, der nach Rum stinkt und ständig: “O meine Lunge und Leber” und “Goru!” brüllt.

Wie King Lear schon sagte, wahrscheinlich als er Gastredner in Iowa war: “O rechtet nicht, was nötig.” Aber von nötig kann hier keine Rede sein: Es macht Dickens einfach Spaß, und er malt die Szene weit über ihre Funktion hinaus aus. Beim Wiederlesen klingt sie fast wie ein Appell wider den ganzen Kult der Sparsamkeit, denn der unheimliche Kerl besteht darauf, David seine Jacke über einen Nachmittag verteilt in Halfpenny-Raten zu bezahlen, und bleibt uns daher zwei ganze Seite lang erhalten. Hätte man ihn wegkürzen können? Unbedingt hätte man ihn wegkürzen können. Aber es gibt einen Punkt beim Schreiben, an dem ein Romacier, jeder Romancier, selbst ein ganz großer, akzeptieren muss, dass sein Job darin besteht, Anfang und Ende eines Buches möglichst ferz voneinander zu halten, indem er die Seiten füllt und darauf hofft, dass sie den Leser rühren, provozieren und unterhalten werden.

Einige Beobachtungen am Rande:

1. David Copperfield ist Dickens’ Hamlet. Hamlet ist ein Stück voll berühmter Zitate, David Copperfield ist ein Roman voll berühmter Charaktere. Man begegnet sowohl Uriah Heep als auch Mr. Micawber, und darüber hinaus noch Peggotty, Steerforth, Betsey Trotwood, der kleinen Emly, Tommy Traddles und den Übrigen. Ich hätte angenommen, dass Dickens sich wenigstens ein paar davon für seine anderen Romane aufgehoben hätte, die ich noch nicht gelesen habe, zum Beispiel für Die Pickwicker oder Barnaby Rudge. Aber er hat alle schon hier verballert. Das könnte sich als Fehler erweisen. Wir werden sehen.

2. Warum versuchen sich die Leute immer wieder an Fernseh- oder Kinoadaptionen von Dickens-Romanen? Nehmen wir als Beispiel einmal Uriah Heep: “…kaum Augenbrauen, keine Wimpern und rötlichbraune Augen (…), diese so unbeschützt und unbeschattet, dass ich mich wundere, wie er nur einschlafen konnte. (…) hochschultrig und hager (…) eine lange, schmale, hagere Hand (…) Nasenlöcher, die ganz dünn und schmal und scharf gefurcht waren, eine eigentümliche und unangenehme Manier hatten, sich auszudehnen und zusammenzuziehen, dass sie zu zwinkern schienen anstatt seiner Augen, die wohl niemals zwinkerten.”

Wen bitte soll man für diese Rolle casten? Sollten sich dafür überhaupt geeignete Darsteller finden, wäre es bestimmt eine trostlose Gesellschaft am Dreh, ohne Sozialkontakte, ohne Freundin und ohne die Aussicht, je wieder eine andere Rolle zu bekommen außer in Copperfield 2: Heeps Rache. Und sobald diese Trickfilm-Schreckgespenster körperliche Formen annehmen, sind sie sowieso witzlos geworden. Memo an alle Studios: Die einzige Möglichkeit wäre eine Mischung aus Realfilm und Computeranimation. Ja, das würde teuer werden, und nein, niemand würde dafür Eintritt zahlen. Aber wenn ihr dem großen Mann gerecht werden wollt – und ich bin sicher, dass Hollywood-Bosse nichts anderes im Sinn haben -, dann sollte euch das die Sache wert sein.

3. Davids Arbeitgeber Spenlow und Jorkins in David Copperfield sind wahrscheinlich die ersten Darstellungen des Teams “guter Bulle” und “böser Bulle” in der Literatur.

4. Ich habe die Fischer-Klassik Ausgabe für 9,50€ gekauft und diese ist wirklich sehr zu empfehlen, denn alle wichtigen Angaben über Dickens und das Buch an sich, stehen erst am Ende des Buches, so dass nicht wieder irgendwelche Wendungen vorweggenommen werden können.

David Copperfield ist das erste Buch, dass ich jemals von Dickens gelesen habe, somit ist es logischerweise auch bisher für mich, sein bestes.

Aber letztendlich ist zu viel misslungen. Die jungen Frauen sind zu blutarm gezeichnet. Todesfälle liegen unangenehm dicht beieinander – wenn man den blöden Köter der rührseligen Dora mitzählt, was ich nicht tue, Dickens aber schon, gibt es zwischen Seite 879 und 911 insgesamt vier Tote. Und gerade wenn man möchte, dass das Buch ein Ende findet, fügt Dickens noch zwanzig Seiten vor Schluss ein überflüssiges und ödes Kapitel über die Reform des Strafvollzugs ein (Er ist gegen Einzelhaft. Wäre zu gut für die.)

David Copperfield ist dennoch ein hervorragender Roman, aufgrund seiner überraschenden Modernität und seiner Liebenswürdigkeit.

Jedenfalls erlaubt David Copperfields Beruf ihm diese eindringlichen kurzen Momente der Wehmut und Nostalgie. Es geht in diesem Buch viel um Erinnerung, und in einem autobiographischen Roman sind Erinnerung und Fiktion schließlich kaum zu unterscheiden. Dickens nutzt diese Untrennbarkeit zu seinem Vorteil, und ich kann mich nicht entsinnen, von einem anderen Roman derart angerührt worden zu sein. Was David Copperfield meiner Meinung nach außerdem so besonders macht, ist die Differenziertheit einiger Figuren und ihrer Beziehungen untereinander. Dickens ist nicht eben für seine differenzierten Schilderungen berühmt, und wenn er Komplexität erreicht, dann in der Regel dadurch, dass er Nebenhandlung um Nebenhandlung anlegt und Figur auf Figur häuft, bis schließlich einfach irgendwas passieren muss. Doch in David Copperfield wird zum Beispiel auf verblüffend modern wirkende Weise Unzufriedenheit in der Ehe beschrieben, das Eingestädnis eines Mangels und einer unbestimmten Sehnsucht, was man nicht bei jemanden vermuten würde, der während der Hälfte des Romans mit Mr. Micawber Punsch schlürft. Letzlich wählt Dickens den viktorianischen Ausweg aus dieser Misere des zwanzigsten Jahrhunderts, aber dennoch…

Zum ersten Mal, seit ich dieses Blog schreibe, empfand ich etwas wie Leere, nachdem ich ein Buch ausgelesen hatte. Seien wir doch erhlich, normalerweise ist man froh, wenn man ein weiteres Buch abhaken kann, aber den letzten Monat verbrachte ich in dieser hyperrealen Welt voller unvergesslicher, genial exzentrischer Leute und Lacher (ich hoffe doch, dass alle wissen, wie komisch Dickens ist) und tüchtig verschlungener Handlungsstränge, denen man mit Vergnügen folgt. Ich schätze, es wird ein Weilchen dauern, bis ich wieder einen dieser zurechtgestutzten, ausgemergelten Haut-und-Knochen-Romane lesen kann.

Das Problem an der Sache ist nur, dass ich mir bereits das am 10. März erschienene Buch Clockers von Richard Price zugelegt habe. Mal sehen was daraus wird…

Lesemonat Februar

28/02/2011

Gelesene Bücher:

  • Hangover Square – Patrick Hamilton
  • Der große Schwindel – Jake Arnott
  • Tag und Nacht und auch im Sommer – Frank McCourt

Letzten Monat habe ich noch vollmundig behauptet, dass Bücher allen anderem meilenweit überlegen seien – dass jedes x-beliebige, halbwegs vernünftige Buch besser sei als jeder Film, jedes Gemälde oder jeder Song, den man dagegen antreten ließe. Na ja, wie die meisten in diesem Blog vorgebrachten Theorien hat sich das als ausgemachter Blödsinn erwiesen. Ich habe in diesem Monat drei wirklich gute Bücher gelesen, trotzdem waren die kulturellen Highlights der letzten vier Wochen nicht literarischer Natur. Ich habe eine tolle Ausstellung in der Kunsthalle Dominikanerkirche besucht (da bekommt meine Argumentation schon Löcher – ein Buch schlägt vielleicht ein Gemälde, aber welche Chance hätte ein Buch, ja, selbst drei Bücher gegen das gesamte Œuvre von ganz Berlin?); ich habe miterlebt, wie Sebastian Prödl im Spiel gegen Bayer sein zweites Bundesligator für Werder köpfte, ein Kopfball in der Nachspielzeit, und dann habe ich im Kino noch “True Grit” und im Theater Osnabrück “Herr Puntilla und sein Knecht Matti” gesehen. Wie gesagt, die Bücher, die ich gelesen habe, waren toll, aber als Prödl den Ball ins Netz wuchtete, riss es mich von meinem Sitz. Patrick Hamilton dagegen konnte mich nicht mal zum Aufstehen bewegen. Ich hab Hangover Square größtenteils im Sitzen – wenn nicht gar Liegen – hinter mich gebracht. Na bitte, da haben wir’s: Bücher = ziemlich gut, aber nicht so gut wie andere Dinge, Tore oder Theaterstücke zum Beispiel.

In Patrick Hamiltons brillantem Roman Hangover Square, geht es um einen Helden der an einer Art Schizophrenie leidet. In regelmäßigen Abständen bekommt er so etwas wie Blackouts, auch wenn er während der Anfälle bei Bewusstsein bleibt. (“Es war, als wäre ein Vorhang gefallen”/ als hätte man sich zu fest die Nase geschnäutzt und die Welt draußen wäre schlagartig verschwommen” / “als hätte man einen Film gesehen und plötzlich sei der Ton ausgefallen”… Weil Georg Bone sich nie genau an den vorausgegangen Anfall erinnern kann, sucht er bei jedem neuen nach einer neuen Beschreibung dafür.) Was natürlich nicht wirklich stimmig ist, denn er weiß nicht, was er tut, wenn die Anfälle auftreten, aber irgendwie weiß er es doch, und er weiß nicht mehr, wer wer ist, schafft es aber irgendwie, gerade so viele Informationen zu behalten, dass Hamiltons Story funktioniert. Und es ist eigentlich ganz egal, denn das Buch handelt nicht von Schizophrenie. Es handelt von einer erschöpften Stadt am Vorabend des Krieges – es spielt Anfang 1939 in London – und von antriebslosen, dem Alkohol verfallenen Versagern und wirkt verblüffend zeitgemäß und aktuell.

Frank McCourts Tag und Nacht und auch im Sommer habe ich mir in diesem Monat zugelegt, nachdem ich in der Buchhandlung zur Heide mal wieder vortrefflich beraten wurde. Wie die Empfehlung der Verkäuferin schon erahnen ließ, ist es ein saugutes Buch, aber Junge, ist das traurig. Tag und Nacht und auch im Sommer schildert Frank McCourts Erfahrungen aus seiner Zeit als Lehrer an verschieden Schulen in NY, wo praktisch jeder Jugendlich auf seine Art und Weise versucht den Unterricht zu stören und den Lehrer aus seinem Konzept zu bringen, um irgendwie durchzukommen. McCourt ist genau der Richtige, sich an dieses Thema heranzuwagen. Er ist engagiert und mitfühlend und was sonst so dazugehört, aber er ist auch ein bisschen sentimental, was in diesem Falle und mit diesen Jugendlichen von Vorteil ist. Am Anfang des Buches zählt er alle Gründe auf, warum er eigentlich gar kein Lehrer hätte werden dürfen. Seine Argumente lauten:

“Verstünde ich etwas von Sigmund Freud und Psychoanalyse, könnte ich all meine Sorgen und Nöte auf meine unglückliche Kindheit in Irland zurückführen. Diese unglückliche Kindheit nahm mir meine Selbstachtung, löste Anfälle von Selbstmitleid aus, lähmte mein Gefühlsleben, machte aus mir einen reizbaren und neidischen Menschen ohne jeden Respekt vor Autorität, verlangsamte meine Entwicklung, ließ meine Beziehungen zum anderen Geschlecht verkümmern, hinderte mich, im Leben voranzukommen, und machte mich, beinahe, unfähig zu jedem normalen menschlichen Umgang.”

Gegen Ende des Buches erzählt einer seiner Schüler in der letzten Unterrichtsstunde eine traurige Geschichte, die alle in der Klasse ganz schön mitnimmt und wohl Frank McCourt unter anderem dazu veranlasst hat, dieses Buch zu schreiben. Vielen Dank dafür.

Ich möchte hier nicht den Eindruck erwecken, Tag und Nacht und auch im Sommer sei unlesbar in seiner grauen Tristesse oder unerträglich moralisierend. Es ist durchweg unterhaltsam und gelegentlich auch mit ein wenig Komik ausgestattet.

Es ist eines dieser Bücher, deren Protagonisten etwas lernen, an einer Erfahrung wachsen und sich verändern, und wir alle haben schon unzählige Bücher in diesem Stil gelesen und unzählige Filme darüber gesehen und wissen was wir zu erwarten haben: Erlösung, oder? Aber Tag und Nacht und auch im Sommer ist keine Erfindung, und so lernen die Protagonisten, wachsen und ändern sich, trennen sich dann von irgendwem und landen in irgendeiner Absteige, wo sie weiß Gott als Lehrer nicht hingehören. Mir gefällt Der große Schwindel, Jake Arnotts gut konstruierter und packender Roman über die Unterwelt im London der sechziger Jahre, aber ich glaube, Tag und Nacht und auch im Sommer hat das Vergnügen daran etwas geschmälert. Die Unterwelt, Gangs, Waffen, Mord … nichts davon ist so unterhaltsam, wie Sie vielleicht denken.

Nächsten Monat werde ich David Copperfield lesen, das erste Hauptwerk von Dickens, das ich lesen werde. Höchstwahrscheinlich werde ich im Monat darauf immer noch damit beschäftigt sein; wenn Sie also mal eine Auszeit von diesem Blog nehmen wollen, wäre das vielleicht eine gute Gelegenheit. Ich habe den Roman eine Weile vor mir hergeschoben, hauptsächlich weil ich so viele andere Sachen lesen musste, um diese Seiten hier füllen zu können, aber jetzt brauch ich definitiv etwas Dickens’sche Kost. Ich weiß allerdings noch nicht, was mir dazu einfallen wird, und ich hoffe inständig, dass Sebastian Prödl mir da aus der Klemme helfen kann. Sind Kopfbälle in der Nachspielzeit besser als Dickens in Höchstform? Ich wette, Sie können die Antwort kaum erwarten.

Lesemonat Januar

27/01/2011

Gelesene Bücher:

  • Supergute Tage – Mark Haddon
  • Die Globalisierungsfalle – Hans-Peter Martin & Harald Schumann
  • Wall Street Poker – Michael Lewis

Die Globalisierungsfalle von Hans-Peter Martin und Harald Schumann passte schon eher, denn dieses Buch, na ja, es rockt: Es ist temporeich und smart und ziemlich aufweckend, auch wenn es davon handelt, dass wir bald alle nicht mehr arbeiten und uns von “tittytainment” unterhalten lassen werden. Die beiden Autoren sind Spiegel-Redakteure und besitzen einen einzigartigen, scharfen, beneidenswerten und zuverlässigen Verstand. In ihrem neuen Buch teilen sie kräftig aus, und Helmut Kohl und Bill Clinton und Margaret Thatcher, sowie viele Firmenchefs bekommen ihr Fett weg, sodass man nach der Lektüre das etwas schwindelerregende Gefühl hat, man selbst, der Autor, Richard Dawkins und Butros Butros-Ghali, Michel Camdessus, Hermann Franz, Michail Gorbatschow, Al Gore, Ferdinand Lacina, Anton Schneider, Michael Snow, Klaus Töpfer, Steve Trent, Vincent Truglia, Ted Turner und Timothy Wirth seien die einzigen halbwegs zurechnungsfähigen Menschen auf der Welt.

Die Globalisierungsfalle ist eine intelektuelle Ergänzung zu Michael Moores Stupid White Men. Es ist sogar noch ambitionierter, weil es sich mit Menschen beiderlei Geschlechts und jeder erdenklichen Hautfarbe befasst.

Wall Street Poker, Micheal Lewis’ Buch über den Börsenboom der Achtziger, habe ich aus einem Grund gelesen, und dieser sind Martin und Schumann: Die beiden haben erreicht, dass ich mich ein bisschen schlau machen wollte, z.B. über so erwachsene Dinge wie Wirtschaftspolitik. Diese Typen kaufen und verkaufen Hypothekenpfandbriefe! Sie kaufen und verkaufen Risikoanleihen! Und ich hab keinen Schimmer, was das alles eigentlich bedeutet! Das kann man nicht Michael Lewis vorwerfen – er hat sich redliche Mühe gegeben, und das Buch liest sich in einem Rutsch: Die Typen sind einfach faszinierend, wenn auch vollkommen anders als jeder, dem man im echten Leben begegnen könnte. An einer Stelle erzählt Lewis, wie ein älterer Broker einem jüngeren Kollegen, der gerade geschäftlich irgendwo hinfliegen will, einen Zehndollarschein hinwirft. “He, schließ auf meinen Namen eine Unfallversicherung für dich ab”, meint der ältere Typ. “Ich glaube, heute ist mein Glückstag.” Als Sinnbild für das, was sich auf dem Börsenparkett abspielt, kaum zu überbieten.

Supergute Tage von Mark Haddon war ein Leseexemplar, dass ich im Internet bestellt hatte und mir somit zugeschickt wurde. Ich will mich nicht beklagen, weil ich Bücher im Internet bestellen kann, denn dagegen ist selbstverständlich nichts einzuwenden, aber das bringt doch ein gewisses Zufallsmoment in meinen ansonsten akribisch ausgearbeiteten Leseplan. Leser sein ist beinah so, als wäre man Präsident, nur dass Lesen in der Regel weniger Staatsempfänge mit sich bringt. Man hat seine Agenda, die man abarbeiten will, doch dann kommt einem das Tagesgeschehen dazwischen, Bücher in der Post/der Dritte Weltkrieg, und man lässt sich kurzzeitig vom eingeschlagenen Weg abbringen.

Das Buch von Mark Haddon handelt von einem Kind mit leichten autistischen Zügen, er hat nämlich das Asperger-Syndrom und langsam scheint es so, dass ich viele Bücher über Autismus lese. Das Buch ist eine unterhaltsame Ergänzung zu George and Sam von Charlotte Moore. Haddon schildert das Leben von Christopher und seinen “Macken” (dies ist keineswegs dispektierlich gemeint) und wie seine Eltern damit versuchen umzugehen.

Neues Jahr, keine Vorsätze. Somit brauche ich mir zu diesem Thema auch kein Buch zulegen…

Kultur am Ring

07/01/2011

Gelesene Bücher:

Briefe – Gustave Flaubert (einige)

Der letzte Monat war ein Reinfall. Dabei hatte ich mir so viel davon versprochen. Es war Weihnachtszeit, und ich hatte mich auf ein bisschen gemütliche Feiertagslektüre gefreut. Dazu wollte ich Bier trinken und mich heldenhaft durch das ein oder andere tote Tier fressen.

Aber irgendwie wurde ich vom lesen abgehalten, an den Feiertagen ist aber nun mal auch immer eine Menge los. Ich glaube, ich habe mich unter anderem dazu entschieden dieses Blog zu betreiben, weil ich angenommen hatte, dass die kulturellen Höhepunkte eines Monats aus Büchern bestehen würden, was auf elf von zwölf Monaten im Jahr wahrscheinlich auch zutrifft.

Mal ehrlich, Bücher sind besser als alles andere. Wenn man Bücher über fünfzehn Runden gegen das Beste in den Ring schickt, was andere Kunstformen zu bieten haben, gewinnen Bücher eigentlich immer. Na los, versuchen Sie es mal: Die Zauberflöte gegen Middlemarch? Middlemarch Sieger durch KO in der sechsten Runde. Das letzte Abendmahl gegen Schuld und Sühne? Fjodor siegt nach Punkten. Alles klar? Es ist zwar nicht wissenschaftlich erwiesen, aber es sieht aus, als hätten Bücher ein leichtes Spiel. Es gibt sicher Ausnahmen, die die Regel bestätigen – gut möglich, dass Blonde on Blonde kurzen Prozess mit dem Raritätenladen macht, und ich würde auch keine große Summen auf Fahles Feuer gegen Citizen Kane setzen. Gelegentlich wird man Überraschungen erleben, das kennt man aus dem Sport, und vielleicht landet Zurück in die Zukunft III einen glücklichen Treffer gegen Hasenherz, aber ich würde immer noch bei neunundzwanzig von dreißig Kämpfen auf die Literatur setzen. Selbst wenn man Kino und Musik genauso liebt wie Literatur, ist die Wahrscheinlichkeit immer noch größer, im Lauf von vier Wochen auf ein tolles Buch zu stoßen, das man noch nicht kennt, als auf einen tollen Film, den man noch nicht gesehen, oder eine tolle Platte, die man noch nie gehört hat. Als gewissenhafter Konsument hat man Filme und Musik irgendwann durch. Gut, Lücken und blinde Flecken wird es immer geben, aber ich bin schon so lange Filmegucker und CD-Hörer, dass ich nie mehr das Gefühl haben werde, das jeden ab und zu beschleicht, wenn es um Literatur geht: dass man es nicht mal fertig bringt, alle guten Romane der letzten sechs Wochen zu lesen, und schon gar nicht alle, die jemals erschienen sind. Ich wollte meinen Fokus in diesem Monat aber mal auf etwas anderes legen, nämlich auf Rock-’n'-Roll-Konzerte. So wollte ich am 5. Januar zu Dÿse in die kleine Freiheit gehen, doch leider hat sich niemand bereit erklärt, dies mit mir zu tun. So hoffe ich auf den 29. Januar, denn dort möchte ich Red Hot in der Zwiebel lauschen.

Hier noch schnell eine Bandempfehlung: Marah http://www.marah-usa.com

Ich hatte somit nicht unbedingt Lust zu lesen.

Nicht, dass ich es nicht versucht hätte; es wollte nur nicht so richtig zu meiner Stimmung passen. Ich kaufte Flauberts Briefe, aber sie waren nicht das Richtige, zumindest nicht, wenn man sie in chronologischer Reihenfolge liest. Der junge Flaubert war nicht gerade Rock ‘n’ Roll. Nach seinen Briefen zu urteilen, war er als Junge eher ein braver Streber. “ich werde dir meine politischen und konstitutionellen liberalen Reden schicken, Freund”, schrieb er im Januar 1831 an Ernest Chevalier. Er war gerade neun geworden. Neun! Weißt du mit dem Leben nichts besseres anzufangen, kleiner? (Ach wirklich? Du hast die geschrieben? Die Bücher sind gar nicht mal schlecht. Dann will ich nichts gesagt haben.) Wahrscheinlich ist meine Freude über seinen Fehler mit dem Großbuchstaben am Satzanfang übertrieben. Sie wissen schon, so à la, mein Gott, der kannte ja nicht mal die simpelsten Regeln der Rechtschreibung! Und so eine Niete ist Schriftsteller geworden!


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